Verstärkerfutter für den POD HD – Sinn und Zweck von ‘Sag’, ‘Bias’ und ‘Bias Excursion’
   


Verstärkerfutter für den POD HD – Sinn und Zweck von ‘Sag’, ‘Bias’ und ‘Bias Excursion’

Wahrscheinlich gehe ich recht in der Annahme, dass viele POD HD-Anwender die neuen Parameter in der Endstufensektion nicht einmal kennen, geschweige denn schon damit experimentiert haben. Andere dagegen gehen wahrscheinlich davon aus, dass diese Parameter eher jenes Feinschmeckerpublikum bedienen, das selbst Flöhe husten hört. Und schließlich gibt es Anwender, die zwar wissen, dass es diese Parameter gibt, aber eigentlich nicht wissen, was sie damit anfangen sollen.

In diesem Artikel will ich drei tief schürfende Parameter erläutern, deren Sinn sich dann hoffentlich schnell einer breiten Anwendergemeinde erschließt: “Sag”, “Bias” und “Bias Excursion”.

Der technische Hintergrund dieser drei Begriffe wird an anderer Stelle ausführlich erläutert, deshalb will ich das hier nicht noch einmal wiederholen. Wer möchte, kann sich im Forum schlaumachen:

http://line6.com/support/thread/60807?start= 0&tstart= 0

Wie Sie im oben erwähnten Beitrag (und in den unzähligen dort erwähnten Links) sehen, muss man sich etwas in die Materie hineinknien, wenn man genau begreifen möchte, wie diese Parameter funktionieren. Man muss also schon etwas über Röhren, elektrische Spannungen sowie den ein- und ausgehenden Strom wissen.

Wenn Sie sich dagegen mit dem Wissen zufrieden geben, wie diese Parameter den Sound beeinflussen und Ihnen beim Perfektionieren Ihrer Sounds helfen, lesen Sie einfach weiter!

In diesem Beitrag möchte ich verdeutlichen, in welcher Hinsicht die Parameter die Ansprache des Amps beeinflussen, während Sie auf der Gitarre spielen. Genau wie beim EQ CUT-Regler auf einem alten Vox® AC30® reicht es, wenn man weiß, was beim Drehen an diesem Regler geschieht. Wie das vor sich geht, braucht man nicht unbedingt zu wissen. Obwohl ich mehrere Videobeispiele vorbereitet habe, rate ich Ihnen, auch selbst ausgiebig mit unterschiedlichen Einstellungen zu experimentieren, weil das dabei erlangte Wissen Ihnen später beim Programmieren so manchen Dienst erweisen wird.

Beginnen wir mit einem schnörkellosen Sound. Verbinden Sie Ihren POD HD direkt mit Ihrer Studioabhöre oder schließen Sie einen Kopfhörer an. Wählen Sie außerdem den “Studio/Direct”-Modus – und stereo sollte die Abhöre allemal sein.

Wählen Sie einen User-Speicher Ihres POD HD, der noch keinen eigenen Sound enthält.

Legen Sie einen Verstärkerblock an. Wenn Sie ungefähr den gleichen Sound wie ich verwenden möchten, wählen Sie am besten das “Plexi Lead 100 Bright”-Modell und ändern nichts an den Boxen- und Mikrofoneinstellungen (so wie ich). In der folgenden Abbildung sehen Sie, wie die Regler bei mir eingestellt sind.

Schließen Sie Ihre Gitarre an, spielen Sie ein paar Noten, um sich zu vergewissern, dass Sie etwas hören und drücken Sie zwei Mal kurz den ENTER-Taster, um die weiter führenden Parameter des Amps aufzurufen. Gehen Sie mit dem Rechts-Pfeil zu Seite 2. Die sieht so aus:

sag

Bevor wir weitermachen, wollen wir uns kurz den Grund-Sound zu Gemüte führen. Für die Videoclips habe ich meine JTV-69 Gitarre direkt mit dem POD HD Pro verbunden und dessen XLR-Ausgänge an eine Pro Tools HDX Schnittstelle angeschlossen. In Pro Tools ist alles neutral eingestellt – es gibt also keine Sound-Beeinflussungen. Alle Beispiele beruhen auf dem “Plexi Lead 100 Bright”-Sound und den magnetischen Tonabnehmern meiner JTV-69.

Die Parameter entsprechen den Vorgaben:

Beginnen wir mit dem “Sag”-Parameter. Eventuell fällt Ihnen hierzu sofort ein Adjektiv ein – ich persönlich denke hier spontan an “schwammig” oder “pampig”. Er erzeugt einerseits eine frequenzabhängige Komprimierung und beeinflusst andererseits die Anschlagempfindlichkeit. Je größer der Wert, desto schwammiger wird der Sound: Die Komprimierung und die körnige Komponente nehmen zu und irgendwie verschmelzen die Noten mehr miteinander. Bei einem niedrigen Wert scheint der Amp dagegen etwas steifer zu reagieren.

Im folgenden Clip habe ich “Sag” auf “100” gestellt:

Der Sound wirkt “pampiger” und kratzbürstiger (vielleicht sogar eine Spur zu viel). Der gezogene E-Akkord ist kompakter als im vorigen Beispiel, und die hohen Noten stechen nicht ganz so markant hervor.

Gehen wir zur nächsten Parameterseite. Vorher wollen wir “Sag” jedoch wieder auf “50” stellen. Drücken Sie anschließend den Rechts-Pfeil, um zu Seite 3 zu gehen, wo sich die Parameter “Bias” und “Bias Excursion” befinden. Falls Ihre Gitarre angeschlossen ist, dudeln Sie am besten ein bisschen, um sich den “neutralen” Verstärker-Sound einzuprägen.

Der “Bias”-Strom regelt, wie sich die Röhren verhalten, wenn sie nicht angesprochen werden – und das wirkt sich auf die Ansprache des Amps aus. Die Vorgabe für “Bias” lautet “50”. Wenn Sie momentan nicht spielen, schauen Sie sich am besten noch einmal den vorigen Clip an, um sich den unbeeinflussten Sound einzuprägen.

Im nächsten Beispiel habe ich “Bias” auf “41” gestellt. Das hat einen anderen Sound zur Folge, der in den Höhen irgendwie “gläsern” wirkt. Außerdem gehen die hohen gezupften Noten mehr ineinander über, allerdings sind sie nicht ganz so definiert wie bei Anwahl des maximalen “Sag”-Werts.

Wenn wir “Bias”jetzt auf “0” stellen und das gleiche noch einmal spielen, klingt das Ganze doch recht anders: Der E-Akkord ist nach wie vor kompakt, aber die hohen Noten und die Saitengeräusche werden geradezu betont. Der Amp reagiert viel steifer und bereitet meiner kombinierten Plektrum- und Zupftechnik mehr Schwierigkeiten, weil die Noten nicht mehr so stark komprimiert werden. Für die Metal-Fraktion passt dies dagegen wie die Faust aufs Auge.

Wie Sie sehen, kann man mit den Parametern “Sag” und “Bias” schon ziemlich viel an der Ansprache des Amps ändern.

Jetzt stellen wir “Bias” aber wieder auf “50” und befassen uns mit “Bias Excursion”. Ganz allgemein formuliert bestimmt man hiermit, wie schnell die “Bias”-Korrektur der Röhre wieder das Heft in die Hand nimmt. Auch das wirkt sich markant auf den Sound aus. Spielen Sie erst wieder ein paar Riffs, um sich den unbeeinflussten Sound wieder einzuprägen.

Stellen Sie “Bias Excursion” jetzt auf “100” und spielen Sie das gleich noch einmal. Jetzt scheint es so, als würden die Saiten viel mehr Metall enthalten – gleichzeitig wirken die hohen Noten etwas weicher.

Stellen Sie “Bias Excursion” jetzt auf “0” und wiederholen Sie Ihre Riffs. Die Ansprache erinnert zwar an die Einstellung von “Bias” auf “0”, allerdings erzeugen die Saiten mehr Geräusche, während die hohen Noten weitaus weicher ‘rüberkommen und niemals übertrieben laut wirken.

Zum Abschluss spiele ich die gleichen Läufe noch einmal, diesmal aber mit meinen bevorzugten Einstellungen der drei Parameter:

Diese Videos vermitteln Ihnen hoffentlich einen Eindruck der Beeinflussungsmöglichkeiten, die einem diese drei Parameter bieten. Am besten probieren Sie das Ganze aber selbst aus, um wirklich zu entdecken, was hier abgeht. Mit diesen Parametern lässt sich die Ansprache des Verstärkers beeinflussen, und das sorgt dafür, dass ich anders spiele, weil der Amp etwas schwammiger reagiert – ich schlage die Saiten daher härter an. Achten Sie vor allem auf meine rechte Hand, um zu entdecken, wie hart ich in den einzelnen Beispielen anschlage. Probieren geht allerdings über studieren: Man muss es am eigenen Leib erfahren und folglich selbst spielen.

Für mich sind die Parameter “Sag”, “Bias” und “Bias Excursion” fast so wichtig wie die Klangregelung des Amps. Beim Programmieren neuer Sounds mit Endstufen- und Boxensimulation wähle ich auch hierfür geeignete Einstellungen. Zumal “Sag” finde ich sehr wichtig… damit experimentiere ich in der Regel immer.

Ich will hier nicht verhehlen, dass diese doch recht tief schürfenden Parameter auch dem Live-Sound zugute kommen. Bei einer passenden Einstellung klingen Sie in Ihrem Studio daheim nämlich genau so gut wie bei einer Direktverbindung mit der Beschallungsanlage. Und noch etwas: Nehmen Sie Ihren POD HD doch einmal mit zum Händler Ihres Vertrauens und verbinden Sie ihn dort mit einer Line 6 StageSource L2 Box, um zu erfahren, was eine Leistung von 800W RMS mit Ihren Gitarren-Sounds macht. Für mehrere Pop-Gigs habe ich neulich zwei L2-Boxen verwendet – und ich war schwer begeistert. Das sollten Sie auf jeden Fall einmal ausprobieren.

Ich hoffe, Sie blicken jetzt besser durch! Bis demnächst,

S..