Line 6-Künstler Gerry Leonard trägt seinen Teil zum Erfolg des neuen David Bowie-Albums ‘The Next Day’ bei
   


Alle Bowie-Fans sind sich einig, dass sich das Warten auf The Next Day gelohnt hat. Nach einer Funkstille von fast einem Jahrzehnt (Reality-Tour 2003/2004) rüttelte Bowie die Welt pünktlich zu seinem 66. Geburtstag mit der Ankündigung seines 24. Studioalbums wach. The Next Day entstand in Zusammenarbeit mit dem Line 6-begeisterten Gitarristen Gerry Leonard, dem Produzenten Tony Visconti und anderen treuen Weggefährten und gilt jetzt bereits als herausragendes Bowie-Werk. Man könnte auch vom erfolgreichsten Comeback der Geschichte sprechen… Leonard berichtet, auf welchen manchmal überraschenden Umwegen das Album zustande kam.

“Schtum!”
Nach einer Auszeit von mehreren Jahren gingen sowohl seine Freunde als auch seine Bandmitglieder davon aus, dass sich Bowie auf das wohlverdiente Altenteil zurückgezogen hatte. Man kann sich daher die Überraschung Gerry Leonards vorstellen, als er zu Demo-Aufnahmen eingeladen wurde. “Eines Tages schickte Bowie mir eine E-Mail mit dem Betreff ‘schtum!’”, erinnert sich Leonard. “Das roch sofort nach einem Geheimplan. Er fragte, ob ich Zeit hätte – und da musste ich natürlich nicht lange nachdenken!”

Bowies Vision des neuen Albums stand von Anfang an fest, auch wenn die Songs erst während streng geheimer Sessions mit Leonard, Visconti und weiteren in New York ihre definitive Gestalt bekamen. “David weiß ganz genau, was einen guten Rock-Song ausmacht und legt die Grundrisse und Strukturen also bereits sehr früh fest”, erklärt Leonard. “Diese groben Züge haben eine Direktheit und Energie, die man nur bewundern kann. Er beginnt also bereits mit einem enormen Potenzial und trägt das dann sozusagen bis in die Stratosphäre.”

Im Studio mit Bowie
Für die ersten Sessions dienten Bowies Demo-Rohfassungen der Band als Marschroute. “Er arbeitet gerne schnell und setzt einen gewissermaßen unter Druck”, erläutert Leonard. “Also muss man sich auf seinen Instinkt verlassen und seiner Inspiration freien Lauf lassen. Man muss quasi mit dem Unterbewusstsein reagieren. Und genau dort findet man die überraschendsten und zugleich schönsten Dinge.”

The Next Day ist eindeutig ein gitarrenbasiertes Album: Die meisten der 13 Songs werden von Leonards Riffs getragen. “David liebt die Gitarre”, erklärt Leonard. “Er ist der bisher einzige Sänger, der mich je gebeten hat, meinen Amp lauter zu stellen.” Während der Sessions bestand Bowie auf Improvisationen, weil die Musiker ihre eigenen Parts beisteuern sollten. Leonard hat dies zu exzellenten Ergebnissen wie dem mitreißenden Riff im Intro von “The Stars Are Out Tonight” beflügelt.

“Die meisten Licks kamen bereits, als wir die Songs das erste Mal spielten”, berichtet Leonard. “Während der Overdubs habe ich sie dann aber noch etwas präziser um Davids Texte herum ziseliert.”

An den Aufnahmetagen hielt sich die Band an ein effizientes Schema: Ankunft um 11:00 Uhr, Durchgehen der gewünschten Struktur, Programmieren der Sounds und Festlegen der Akkorde. Anschließend wurden ein paar Probe-Takes eingespielt, die von Bowie und Tony Visconti kommentiert und entsprechend abgewandelt wurden. Schließlich wurden die Songs in maximal drei Takes eingespielt, so dass die Musiker um 17:00 Uhr heimgehen konnten. “Nahezu alle The Next Day-Songs wurden live aufgenommen”, erzählt Leonard. “Nur dann stimmt die Chemie nämlich hundertprozentig.”

Da alles ziemlich schnell gehen musste, blieb nur wenig Zeit für Overdubs. “Wir haben keinen einzigen Part totdiskutiert bzw. plattperfektioniert. Wenn es schnell ging, um so besser – wenn nicht, haben wir erst etwas Anderes gemacht.” Allerdings kehrte Leonard später noch einmal ins Studio zurück, um den Songs den letzten Glanz zu geben. Die dabei entstandenen Soli und Klanggebilde tragen entscheidend zur Tiefe und Dichte von Songs wie “Where Are We Now?”, “Heat” usw. bei.

Für The Next Day hat Leonard oft und gerne seine Line 6-Stompboxes benutzt. “Das DL4 ist eindeutig mein Einsame-Insel-Delay”, erklärt Leonard. “Das Album enthält mehrere Loops, die ich mit dem DL4 erzeugt habe. Für die Synthi-Sounds und komplexen Tremolo-Effekte habe ich dagegen meine M9 Bodenleiste benutzt. Schon allein der Umstand, dass man nur das Tempo einzustellen braucht, um rhythmische Gitarrengewebe zu erzielen, ist genial.”

Boss of Me
Als The Next Day langsam Form bekam, schlug Bowie vor, Leonard sollte doch an ein paar Songs mitschreiben, darunter “Boss of Me”. Leonard: “David wollte an ein paar Songs arbeiten und eines Morgens spielte ich dieses Riff. Ich hatte die Verstärker auf den Höchstpegel gestellt und fühlte seine Energie. Ich habe einen Groove mit ‘Reason’ aufgenommen und David steuerte die Melodie und den Text bei. Plötzlich sang er ‘How a small town girl like you, could be the boss of me’ – und schon hatten wir einen neuen Song. Danach haben wir noch ein wenig am Titel gefeilt und er ging mit einem Rough Mix in seiner Hosentasche heim.”

Die Produktion von The Next Day hat knappe zwei Jahre gedauert, weil es immer wieder längere Pausen gab. “Ab und zu dachte ich, Bowie sei nicht mehr am Projekt interessiert”, berichtet Leonard. “In langen Schaffenspausen fürchtete ich, er fände das Material doch nicht gut genug und wollte sich lieber einem Banjo-Projekt in Botswana zuwenden.”

Die nächsten Schritte
The Next Day wurde von der Kritik bejubelt und entwickelte sich schnell zu einem kommerziellen Erfolg. Was planen Bowie, Leonard und der Rest der Band denn jetzt? Es machen zwar Tour-Gerüchte die Runde, allerdings hat sich Bowie hierzu noch nicht geäußert. Leonard steht jedenfalls Gewehr bei Fuß: “Meine Racks sind bereit und ich warte nur noch auf den Anruf!”

Bis es soweit ist, will Leonard die Zeit für die Erkundung seines “Line 6 Dream Rigs” nutzen. “Das ist schon ein starkes Setup”, meint er. “Die James Tyler Variax könnte sich durchaus zu einer neuen Instrumentengattung mausern, was nicht zuletzt den alternativen Stimmungen und den Sound-Beeinflussungsmöglichkeiten mit den Reglern der Gitarre zu verdanken ist.”

“Außerdem habe ich mich intensiv mit dem POD HD500 befasst”, fügt Leonard hinzu. “Er eignet sich gleichermaßen als Tour- wie als Gig-Rig. Das Konzept eines Prozessors, den man für jedes Projekt minutiös programmieren kann, finde ich sehr spannend. Den HD500 habe ich bisher bei einem Rock-Konzert mit dem Produzenten von Aimee Mann, Paul Bryan, einem Ambient-Open-Air mit Laurie Anderson in New York sowie Steve Buscemi und einem Indie-Clubgig mit Nina Nastasia benutzt. Das sind zwar völlig unterschiedliche Stilrichtungen, aber mein POD hat sie mit Bravour geschafft.”

Weitere Infos über Auftritte, Projekte usw. gibt’s unter gerryleonardspookyghost.com.